Im Blickpunkt – Kinder als Radfahrer

Zuerst werden die Kids auf dem Fahrrad mitgenommen, im Kindersitz oder im Hänger. Doch bald wollen sie selber fahren. Kinder lieben das Rad. Wie können die Unfallrisiken für Kinder auf dem Rad minimiert werden?
Kleine Kinder verunglücken vor allem als Mitfahrer im Pkw. Einige Jahre später, mit sechs bis acht Jahren, sind sie vor allem als Fußgänger gefährdet. Sie erkunden neue Umgebungen, sind häufiger im Straßenverkehr unterwegs und treffen dort auf unbekannte Risiken. Mit zunehmendem Alter wird das Fahrrad, zunächst als Spielzeug, dann als Verkehrsmittel immer bedeutender, und damit steigt auch die Zahl der Fahrradunfälle deutlich an.

Im vergangenen Jahr nahm die Zahl der getöteten Kinder bis unter 15 Jahre bei Fahrradunfällen um 12% zu, während sie bei den Kinderunfällen im Straßenverkehr insgesamt um über 3% abnahm.

Bevor Kinder im Straßenverkehr mit ihrem Fahrrad unterwegs sind, brauchen sie eine gute Vorbereitung. In erster Linie sind die Eltern hierfür verantwortlich. Mütter und Väter müssen für diese Aufgabe aber entsprechend informiert sein. Das seit beinahe 25 Jahren bundesweit angebotene Programm “Kind und Verkehr” des DVR und seiner Mitglieder beinhaltet ein Elternbildungsprogramm mit mehr als 7.000 Veranstaltungen pro Jahr.

Unterstützt wird dieses Programm seit Anbeginn vom Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen. Das Thema “Radfahren” ist ein wichtiges Thema im “Kind und Verkehr”-Programm. Eltern lernen die entwicklungsbedingten Leistungsgrenzen ihrer Kinder hinsichtlich der Verkehrsteilnahme kennen. Sie lernen dieses Wissen für die alltägliche Verkehrserziehung nutzbar zu machen. Die Moderatoren – derzeit ca. 800 – erreichten bislang über vier Millionen Eltern. Das Programm wird kontinuierlich immer wieder neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen und sozialen Gegebenheiten angepasst.

Eine in diesem Jahr veröffentlichte Untersuchung an Schulen, bei der Kinder und Eltern befragt wurden, hat ergeben, dass Radfahren als attraktiv und gleichzeitig als gefährlich angesehen wird. Die Risiken wurden besonders von den Kindern und Eltern in Ostdeutschland hervorgehoben. “Gerade in den Städten in Ostdeutschland sind die Bedingungen für das Radfahren noch sehr verbesserungsbedürftig”, sagt Verkehrsexperte Prof. Bernhard Schlag von der Uni Dresden.

Auch nach einer neuen Befragung des Instituts Wohnen und Umwelt in Darmstadt haben Kinder eine “enorm positive Einstellung zum Rad fahren”. Dabei gibt es kaum einen Unterschied zwischen Mädchen und Jungen. Bei der Verkehrsmittelwahl steht das Fahrrad an erster Stelle. “Wenn sie erwachsen sind, wollen sie allerdings sehr viel Auto fahren”, fasst Dr. Antje Flade vom Institut die Ergebnisse zusammen.

Entwicklung nicht im gleichen Tempo
Bei den Radfahrerunfällen der Kinder wird etwa die Hälfte durch beteiligte Autofahrer verursacht, die andere Hälfte durch das Kind selbst. Verursachen Kinder einen Unfall, hängt dies in der Regel mit ihren noch nicht ausreichend vorhandenen körperlichen und geistigen Fähigkeiten zusammen. “Kinder auf dem Fahrrad sind durch die Komplexität des Verkehrsgeschehens überfordert, sie reagieren zu langsam und sie konzentrieren sich nicht ausreichend auf den Verkehr”, so Maria Limbourg von der Universität Essen.

Bei den durch Kinder selbst verursachten Radfahrunfällen stehen die “Fehler beim Ein- und Anfahren, beim Abbiegen und beim Wenden” mit 30 % an erster Stelle. Danach folgen falsche Straßenbenutzung mit 25% und Vorfahrtmissachtung mit 20%. Diese Unfallarten deuten auf die entwicklungsbedingten Einschränkungen bei den Kindern hin, so Limbourg.
Im Laufe ihrer Entwicklung müssen die Kinder erst die Fähigkeit zum sicheren Radfahren im modernen Straßenverkehr entwickeln. Die Entwicklungsphasen sind stark vom Alter abhängig. Doch die Entwicklung findet bei den einzelnen Kindern nicht im gleichen Tempo statt, es gibt große individuelle Schwankungen.

Eltern lassen sich oft von den Fahrkünsten ihrer Kinder in einem Park oder anderem verkehrsfreien Gelände täuschen. Doch bereits auf dem Bürgersteig kommen ganz andere Anforderungen auf das radelnde Kind zu.

Solche Entwicklungsverzögerungen lassen sich ganz besonders häufig in Ballungsgebieten mit viel Verkehr und wenig Freiraum für Kinder beobachten. Kinder werden unter diesen Bedingungen häufig mit dem Auto zum Kindergarten, zur Schule oder zum Sportplatz gefahren. Darüber hinaus beschränkt sich ihr Lebensbereich auf ihre Wohnung. Dort sitzen sie häufig vor dem Fernseher oder beschäftigen sich mit Computerspielen. Bis zu ihrem siebten Geburtstag dürfen Kinder auf dem Fahrrad mitgenommen werden. Die Bundesanstalt für Straßenwesen ist in einer Untersuchung der Frage nachgegangen, welche Transportmöglichkeit für die Kinder die bessere ist, im Kinderanhänger oder auf dem Fahrrad? Da nur eine geringe Anzahl von Versuchen mit Fahrradkindersitzen durchgeführt werden konnte, gibt es keine eindeutige Antwort. Die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung zeigen jedoch tendenziell, dass der Transport im Fahrradanhänger als weniger gefährlich zu bewerten ist.

Eine gefährliche Situation im Straßenverkehr frühzeitig zu erkennen und darauf richtig zu reagieren, wird von den Kindern erst allmählich gelernt. Bis zum Alter von fünf oder sechs Jahren haben Kinder nur ein akutes Gefahrenbewusstsein. Sie bemerken die Gefahr erst, wenn sie bereits akut gefährdet sind. Mit etwa acht Jahren hat sich ein vorausschauendes Gefahrenbewusstsein entwickelt. Nun können Kinder Gefahren voraussehen, wissen, durch welche Verhaltensweisen sie in Gefahr geraten.

Mit etwa zehn Jahren haben sie dann ein Präventionsbewusstsein ausgebildet. Jetzt sind sie in der Lage, auf ungewohnte Situationen, wie den Ausfall einer Fußgängerampel, angemessen zu reagieren.

Eigene Gedanken und Gefühle
Neben der Gefahrenwahrnehmung muss auch die Aufmerksamkeitsleistung des Kindes entwickelt sein, damit es sich im Straßenverkehr bewegen kann. “Abgelenkt sein” ist eine der häufigsten Ursachen von Verkehrsunfällen im Kindesalter. Kinder richten ihre Aufmerksamkeit häufig auf Dinge außerhalb des Verkehrsgeschehens. Die Entwicklung der Aufmerksamkeit und der Konzentrationsfähigkeit ist erst im Alter von etwa 14 Jahren vollständig abgeschlossen. Kinder haben auch Schwierigkeiten, die Entfernung und Geschwindigkeit herannahender Fahrzeuge zuverlässig einzuschätzen. Erst im Alter von acht bis neun Jahren gelingt es ihnen, Entfernungen richtig zu bewerten. Noch ein bis zwei Jahre länger brauchen Kinder in ihrer Entwicklung, um Geschwindigkeiten richtig einzuschätzen.

Die Fähigkeit, sich als Radfahrer motorisch sicher zu verhalten, ist im Vorschulalter nur sehr ungenügend ausgeprägt. Erst im Alter von sieben bis acht Jahren sind Kinder in der Lage, das Gleichgewicht zu halten, das Auf- und Absteigen zu beherrschen sowie richtig zu bremsen, zu lenken und Handzeichen zu geben.

Große Schwierigkeiten bekommen Kinder, wenn Mehrfachhandlungen gefragt sind: Treten, Lenken, Balance halten, in der Spur bleiben – und gleichzeitig auf andere Verkehrsteilnehmer achten. Das überfordert sie. Auch diese Grundvoraussetzungen für das Radfahren entwickeln sich erst nach und nach.

Helme mindern Aufprallkräfte
Wegen der noch nicht voll entwickelten Fähigkeiten der Kinder hat der Gesetzgeber festgelegt, dass Kinder bis zum achten Geburtstag mit Fahrrädern Gehwege benutzen müssen. Bis zum zehnten Geburtstag dürfen sie dann noch auf Gehwegen fahren. Beim Überqueren einer Fahrbahn müssen sie vor dem Bordstein anhalten, absteigen und ihr Rad über die Fahrbahn schieben. Denn diese Stellen sind die unfallträchtigsten, auch für erwachsene Radfahrer. Für Kinder ist es besonders wichtig, einen Helm zu tragen. Denn bei den Unfällen mit dem Fahrrad kommt es häufig zu schweren Kopfverletzungen.

Fahrradhelme können diese empfindliche Stelle des Kindes schützen und die Aufprallkräfte abmildern. Doch viel zu wenige Kinder tragen einen Fahrradhelm. Nur 37 % der Kinder bis zehn Jahre setzen den Helm auf. Wenn sie älter werden, lassen fast alle Kinder den Helm links liegen, ganze 8 % schützen sich mit einem Helm. Doch gerade die älteren Kinder sind auf dem Rad besonders gefährdet.

Neben den Fähigkeiten, ein Fahrrad sicher zu bewegen und den Straßenverkehr angemessen wahrzunehmen, benötigen die jungen Radfahrer auch Regelkenntnisse und Verständnis für Verkehrssituationen. Verkehrspädagogen raten daher, dass Kinder frühestens nach bestandener Radfahrausbildung im vierten Schuljahr allein mit dem Rad im Straßenverkehr fahren sollten. Aber die Radfahrerausbildung gibt keine Gewähr für sicheres Fahren und ersetzt auch kein Üben.

Insgesamt sind Kinder mit dem Fahrrad deutlich stärker gefährdet als Erwachsene. Kinder verunglücken umso häufiger, je mehr Verkehr auf einer Straße herrscht und je schneller gefahren wird. Auch der Sichtkontakt zwischen Kraftfahrern und Kindern spielt eine entscheidende Rolle. Der DVR empfiehlt, ein Kind so spät wie möglich mit dem Rad in den Verkehr zu lassen. Besser ist zunächst ein Roller.

Quelle: Deutscher Verkehrssicherheitsrat
www.dvr.de

Eine Broschüre zum Thema Fahrradhelm ist erhältlich bei der Bundesanstalt für Straßenwesen (bast):
www.bast.de
(Veröffentlichungen/Broschüren und Faltblätter/Sicherheitsinfo Nr. 10)

Speziell an 11 bis 14jährige Fahrradfahrer und an deren Eltern richtet sich ein Angebot des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Sechs LERNTOUREN „Mit dem Fahrrad durchs Netz“ warten mit Spielen, Infos und Tipps, Testaufgaben, Fragen zum Nachdenken und Vorschlägen zum Erkunden und Forschen im Straßenverkehr. Denn Fahrrad wird nicht im Internet, sondern draußen im Straßenverkehr gefahren. Ein Hinweis noch: Für die LERNTOUREN wird der Macromedia Flash Player ab Version 6.0 benötigt. Der Player kann bei Macromedia heruntergeladen werden.

http://www.beiki.de